Das Klavier und seine Vorgänger (Überschrift)

Klavier - Begriffsklärung

Das Wort Klavier kommt von lat. clavis der Schlüssel und bezeichnete früher die Notennamen. Da diese Notennamen zur besseren Orientierung auf die Orgeltasten geschrieben wurden, ging der Begriff auf die Tasten über und so entstand die Bezeichnung Klaviatur für die Gesamtheit der Tasten und der Begriff Klavier für alle Tasteninstrumente.
So meinte Bach auch das Cembalo als er das "Wohltemperierte Clavier" schrieb.
Heute versteht man unter dem Begriff Klavier nur das moderne Instrument mit Hammermechanik. Leider wird der Begriff Klavier auch verwendet, um die aufrechte Variante gegenüber dem Flügel abzugrenzen (s.u.) Dies ist aber irreführend, denn man sagt nun einmal: "Ich nehme Klavierunterricht bei einem Klavierlehrer und brauche dazu Klaviernoten.", auch wenn man immer nur auf dem Flügel spielt. Deshalb werde ich den korrekten Begriff Pianino für das aufrechte Klavier verwenden, auch wenn das zunächst ungewöhnlich klingt (d.h. der Begriff Klavier schließt hier immer auch den Flügel mit ein).

Cembalo

Das Cembalo ist ein Vorgänger des heutigen Klaviers und hatte seine große Blütezeit im Barock. Im Inneren des Cembalos befinden sich Metallsaiten, die durch Federkiele angerissen werden (ähnlich wie bei der Gitarre mit Plektrum). Die Federkiele und die Form eines Vogelflügels brachten ihm den Beinamen "Kielflügel" ein.
Durch diese Anreiß-Technik läßt sich die Lautstärke durch den Tastendruck nicht verändern. Dank einer Schwenkvorrichtung gleitet der Kiel beim Zurückgehen an der Saite vorbei (und berührt sie nicht zweimal).
Beim Loslassen der Taste werden die angerissenen Saiten durch ein Filzplättchen abgedämpft, d.h. der Ton kann nur solange weiterklingen, wie die Taste niedergedrückt wird.

Register

Um die mangelnde Dynamik (Möglichkeit, laut und leise zu spielen) auszugleichen, besitzt das Cembalo verschiedene Register. Ein Register kann man sich als eine eigene Klangfarbe vorstellen, die beim Cembalo durch einen eigenen Satz Saiten repräsentiert wird. Wenn ein Cembalo z.B. vier Register hat, heißt das, daß für jede Taste vier verschiedene Saiten existieren, und je nachdem, welches Register ausgewählt wurde (durch Pedale, aber auch Hand- oder Kniezüge), werden dessen Saiten zur Klangerzeugung genutzt. Durch gleichzeitiges Einsetzen verschiedener Register ergeben sich viele verschiedene Klangmöglichkeiten auf nur einem Instrument.

Die Tonhöhe eines Registers wird in Fuß angegeben. Dies kommt aus dem Orgelbau, wo die Länge der tiefsten Pfeife eines bestimmten Typs die Tonhöhe angibt. Ist die tiefste Pfeife eines Registers 8 Fuß (1 Fuß = ca. 32cm, früher gebräuchliches Längenmaß) lang, so erklingt das Register in "normaler" Tonhöhe (also so, wie man es von der Tastatur erwarten würde).
Ein 16 Fuß-Register (kurz 16') klingt eine Oktave tiefer, 32' und 64' wären entsprechend zwei und drei Oktaven tiefer (aber nicht üblich beim Cembalo). 4 Fuß entspricht einer Oktave höher, 2 Fuß gleich zwei Oktaven höher usw.

Eine weitere spezielle Klangfarbe bietet der Lautenzug. Das ist eine Filzleiste, die sich über die Saiten legt und so den obertonreichen Klang des Cembalos abdunkelt.
Das Instrument klingt dann ähnlich wie eine Laute.

Das Cembalospieler konnte die Lautstärke also nicht allmählich ansteigen und abschwellen lassen, sondern nur in groben Stufen durch Zu- und Abschalten der Register. Diese auch "Terrassendynamik" genannte Spielweise war im Barock sehr beliebt (ob nun die Terassendynamik beliebt war, weil die damaligen Instrumente dies konnten, oder die Instrumente so gebaut wurden, weil die Terassendynamik beliebt war, kann als typisches Henne-Ei-Problem den Musikwissenschaftlern überlassen werden...)

Das Cembalo hatte nicht nur mehrere Register, sondern oft auch mehrere Manuale (also mehrere Tastaturen übereinander). Außerdem lagen die Saiten des Cembalos parallel zu den Tasten (ähnlich wie beim heutigen Flügel).

Spinett und Virginal

Spinett und Virginal sind kleinere Bauformen des Cembalo, sozusagen "für zu Hause zum Üben". Die Spielweise und Tonerzeugung funktioniert genauso wie beim Cembalo. Beim Spinett befinden sich die Saiten schräg zur Tastatur, beim Virginal quer. Der Name Spinett kommt von spina, ital. für Kiel; Spinetta ist die Verkleinerungsform. "Virga" ist dagegen der Name für die "Docke", das ist das Teil, an dem der Kiel befestigt ist. Manche behaupten, Virginal käme von virgio (=Jungfrau), weil es vornehmlich von jungen Frauen gespielt wurde. Naja ;-)

Spinett und Virginal haben in der Regel nur ein Register und auch nur eine Klaviatur.

Klavichord

Beim Klavichord (auch Clavichord) werden die Saiten durch Metallstifte angeschlagen. Drückt man eine Taste, wird der Metallstift (auch Tangente genannt) gegen die Saite gedrückt und bringt einen Teil der so geteilten Saite zum Klingen, der andere Teil wird abgedämpft. Da so nicht die Länge der Saite für die Tonhöhe verantwortlich ist (wie beim Cembalo und beim Klavier), sondern nur die Stelle, an der die Tangente auftrifft, kann eine Saite für mehrere Töne benutzt werden.
Eine Saite teilen sich so bis zu fünf verschiedene, direkt (chromatisch) nebeneinander liegende Töne. Bei diesen "gebundenen" Klavichorden können also benachbarte Töne nicht gleichzeitig erklingen! Obwohl im 18. Jahrhundert auch "bundfreie" Klavichorde (also für jeden Ton eine eigene Saite) entwickelt wurden, konnte sich dieses Instrument wegen seines sehr zarten und leisen Klanges nicht durchsetzen.
Da die Tangente in Kontakt mit der Saite bleibt, kann man den Ton auch nach dem Anschlagen durch Drücken der Taste noch verändern, es wird dadurch eine Art Vibrato (oder Bebung) erzeugt.

Das Hammerklavier

Das Hammerklavier heißt so, weil hier die Saiten mit einem kleinen Hämmerchen angeschlagen werden. Das hat den entscheidenden Vorteil, daß hier die Geschwindigkeit des Tastenanschlags über die erklingende Lautstärke entscheidet. Deswegen wurde das Hammerklavier auch Pianoforte (oder Fortepiano) genannt (von ital. piano = leise und forte = laut). Daraus wurde dann das Kurzwort Piano, das auch heute noch üblich ist.

ein altes Hammerklavier
ein altes Hammerklavier

Funktionsweise

Wird eine Taste gedrückt, wird dadurch ein Holzhämmerchen mit einem Filzkopf von unten gegen die Saiten geschleudert. Das letzte Stück auf dem Weg zur Saite fliegt der Hammer alleine weiter, ohne eine Verbindung zur Taste. Danach prallt das Hämmerchen von der Saite ab und fällt in die Ausgangslage zurück.

Die Saite wird durch das Anschlagen des Hammers in Schwingung versetzt. Eine Saite selbst schwingt aber relativ leise und muß noch verstärkt werden. Dies funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie bei der Gitarre: Auf der einen Seite laufen die Saiten über einen Steg (bevor sie am Ende befestigt werden), der mit dem Resonanzboden (=der Holzboden unter den Saiten) verbunden ist, sodaß die Schwingung der Saiten darauf übertragen und somit verstärkt wird.
Auf der anderen Seite sind die Saiten auf kleine Metallstifte aufgedreht, die in einem Holzstück - dem Stimmstock - stecken. Durch Drehen der Metallstifte kann man die Saitenspannung verändern und somit die Tonhöhe der entsprechenden Saite anpassen.

Gleichzeitig löst sich mit dem Tastendruck ein Dämpfer von der Saite, damit die Saite klingen kann. Läßt man die Taste los, fällt der Dämpfer auf die Saite zurück und der Ton verstummt.

Geschichte

Das erste Hammerklavier wurde Anfang des 18. Jhs. gebaut.
Es hatte damals nur 4 Oktaven und klang noch sehr leise.
Im Laufe der Zeit erhielt das Klavier schrittweise immer mehr Tasten. Heute sind es 88, was etwa 7 1/4 Oktaven entspricht (von A2 bis c5).
Um die Lautstärke des Klaviers zu steigern, wurden die Saiten immer stärker gespannt. Irgendwann hielt jedoch die Holzkonstruktion des Klaviers diesem starken Zug der Saiten nicht mehr stand, die Instrumente verstimmten sich sehr schnell.
Abhilfe brachte der gußeiserne (=Eisen, das in einem Stück gegossen wird) Rahmen, der heute in jedem Flügel verwendet wird.

Außerdem wurden die Saiten Mitte des 19. Jh. "mehrchörig", d.h. pro Taste werden immer mehrere Saiten angeschlagen, 1-2 bei den tiefen Tönen und drei bei den mittleren und hohen Tönen. Die drei Saiten eines Tones sind natürlich gleich gestimmt.

Flügel und Pianino

Die ursprüngliche Form des Klaviers war die vom Cembalo übernommende Flügel-Form. Die Flügel gibt es heute in verschiedenen Größen, vom kleinen Stutzflügel (ca. 1,50m lang) über Salon- und Studioflügel bis zum fast 3m langen Konzertflügel.

Erst Mitte des 18. Jh. wurde das erste Pianino erfunden, also ein Klavier mit aufrechten Saiten - nicht zu verwechseln mit dem Virginal, wo die Saiten zwar quer zur Tastatur, aber immer noch waagerecht, d.h. parallel zum Boden lagen! Bei senkrechten Saiten müssen auch die Hämmerchen die Saiten senkrecht anschlagen, d.h. man benötigt Federn und Hebel, um das Hämmerchen nach dem Anschlagen wieder in seine Ausgangslage zurückzutransportieren, während beim Flügel der Hammer einfach durch die Schwerkraft wieder zurückfällt. Deswegen sind die Tasten beim Flügel auch meist leichtgängiger.
Außerdem muß beim Pianino die Abwärtsbewegung der Taste in eine Vorwärtsbewegung des Hammers umgesetzt werden, man spürt dadurch das Gewicht des Hammers nicht direkt.
Schlußendlich ist natürlich auch der Resonanzboden eines Pianinos (=die hölzerne Rückwand) viel kleiner. Ein Flügel ist also automatisch lauter und weist größere "Klangfülle" auf.

Das Pianino gibt es in einer noch kleineren Variante, Kleinklavier genannt. Das Kleinklavier ist leider nicht die deutsche Bezeichnung für das Pianino (obwohl das ja die Übersetzung wäre), sondern ist eine noch kleinere Variante des Pianino. Es ist nur 1,10m hoch (statt 1,30m oder 1,40 wie das Pianino). Dadurch sind natürlich auch die Saiten kürzer, was sich nicht positiv auf den Klang auswirkt (s.u.)!

ein Digitalpiano

natürlich kein richtiges Klavier, sondern mein heiß geliebtes Digital-Piano

Problem der Saitenlängen beim Klavier

Die klingende Tonhöhe einer Saite ergibt sich aus mehreren Faktoren. Primär ist natürlich die Länge entscheidend: Je kürzer die Saite, desto höher klingt sie. Nun können Saiten weder beliebig lang noch beliebig kurz sein. Die Länge, die man theoretisch für die tiefen Baßtöne braucht, hat selbst in einem großen Konzertflügel keinen Platz. Sind die Saiten dagegen zu kurz, schwingt die Saite nicht mehr gleichmäßig. Dadurch entstehen unharmonische Obertöne, der Ton klingt hart und geräuschhaft.
Ein ebenso wichtiger Faktor für die Tonhöhe ist die Dicke der Saite: Je dicker die Saite ist, desto tiefer klingt sie. Aber auch hier ist der Spielraum begrenzt. Zu dünne Saiten würden reißen, wenn der Hammer auf die Saite schlägt. Zu dicke Saiten geben keine Töne mehr von sich, sondern nur noch ein häßliches "Blong", die Saite ist dann einfach zu steif zum gleichmäßigen Schwingen.
Auch die Spannung der Saite verändert die Tonhöhe: Stärker gespannte Saiten klingen höher als schwach gespannte Saiten. Bei dieser Komponente besteht auch nur begrenzter Spielraum: Zu stark gespannte Saiten reißen schnell, zu schwach gespannte Saiten haben keinen schönen Ton und sind außerdem sehr leise. Wie unpraktisch, wo doch der Trend zu immer lauteren Instrumenten geht.
Fazit: Nur das richtige Verhältnis aus Durchmesser, Länge und Spannung erzeugt einen schönen obertonreichen Ton.

Das gibt Probleme für tiefe Töne: Zu lang können die Saiten aus Platzgründen nicht sein, zu dick dürfen sie auch nicht sein, sonst schwingen sie nicht mehr und die Saitenspannung darf auch nicht zu niedrig sein. Für tiefe Töne verwendet man deshalb umsponnene Saiten, d.h. ein dünner Draht wird durch einen zweiten umwickelt. Dadurch erhöht sich das Gewicht, die Saite schwingt langsamer (der Ton wird also tiefer), aber die Saite bleibt trotzdem elastisch genug für einen schönen Ton. (Umspinnung findet man auch bei anderen Saiteninstrumenten, z.B. Gitarren, Streicher, usw.) Die Umspinnung verbessert das Problem so weit, daß nun zumindest in einem großen Konzertflügel genug Platz für die Baßsaiten ist. In einem Pianino ist aber so wenig Platz, daß selbst umsponnende Baßsaiten einfach viel zu dick sind. Die Idee, die Baßsaiten quer durchs ganze Klavier zu spannen, brachte Besserung, beseitigt aber das Problem immer noch nicht. Deswegen entstehen auch bei heutigen Pianinos keine harmonischen Schwingungen bei den tiefsten Tönen, sie klingen geräuschhaft, der Grundton ist schwer herauszuhören.

Pedale

Klaviere haben neben der Tastatur noch 2 bis 3 Pedale. Wenn Pianisten von "dem Pedal" sprechen, meinen sie meist das rechte, das Dämpferpedal. Dieses Pedal hebt alle Dämpfer von den Saiten. Dadurch klingen die Töne weiter, deren Tasten bereits wieder losgelassen wurden.
Da aber die Dämpfer aller Saiten hochgehoben werden, werden auch nicht angeschlagene Saiten zum Schwingen angeregt (nennt man dann Saitenresonanz). Das gibt dem Klavier einen volleren, aber auch verwascheneren Klang.

Das linke Pedal wird auch scherzhaft als "Vermieterpedal" bezeichnet, weil es das ganze Klavier etwas leiser macht. Beim Flügel wird hierzu die gesamte Mechanik so verschoben, daß die Hämmerchen nicht mehr auf alle drei Saiten eines Tones auftreffen, sondern nur noch auf eine (als una chorda bezeichnet). Dadurch wird der Ton nicht nur leiser, die Klangfarbe wird auch etwas weicher. Der Hammer trifft auch mit einer anderen Stelle auf die Saiten, wo der Filz für einen weicheren Klang meist stärker durchlöchert wird.
Beim Pianino dagegen rücken die Hämmerchen näher an die Saiten heran. Damit wird ihre Geschwindigkeit beim Auftreffen auf die Saiten gemindert und so die Lautstärke reduziert, die Klangfarbe ändert sich dadurch aber nur wenig.

Das mittlere Pedal ist nicht immer vorhanden. Auch dieses ist eine Art Dämpferpedal, es hebt die Dämpfung aber nicht für alle Tasten auf, sondern nur die der gerade gedrückten Tasten. Alle Tasten, die nach dem Treten des Pedals gedrückt werden, werden nach Loslassen der Taste normal abgedämpft.

Andere Tasteninstrumente

Da das Erzeugen eines Tones auf Tasteninstrumenten kinderleicht ist, und sich somit vielfältige Möglichkeiten für gleichzeitige und nacheinander erklingende Tonfolgen bieten, gibt es verschiedenste Instrumente, die Tastaturen besitzen, "intern" aber sehr unterschiedlich funktionieren. Die hier vorgestellten Instrumente Klavier, Cembalo und Klavichord gehören zu den Saitenklingern, weil sich in ihrem Inneren Saiten befinden, die indirekt durch die Tasten zum Klingen gebracht werden.
Die Kirchenorgel gehört zu den Luftklingern, denn sie besteht aus Pfeifen, die mit einem Blasebalg mit Luft versorgt werden.
Auch beim Akkordeon ist der durch den Blasebalg erzeugte Luftstrom das tonerzeugende Element.
Keyboards, Synthesizer, E-Pianos und Konsorten gehören natürlich zu den Stromklingern.
Das Celesta schließlich als ein Xylophon-ähnliches Instrument mit Tastatur gehört zu den Selbstklingern.
Seite erstellt: 14.01.2008
Kopie von Musikzeit (www.musikzeit.de), Version vom 14.01.2008